Dienstag, 13. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 13



Nach einer kurzen Nacht hatte ich mich auf den Weg zum London College of Fashion gemacht. An die stets mit Pendlern und Touristen überfüllten Londoner U–Bahnabteile würde ich mich noch gewöhnen müssen, ebenso an den charakteristischen Eigengeruch der Stationen, der mich an uralten Schmutz, abgestandener Luft und angeschmortem Plastik erinnerte. Mit den Dozenten und Studenten am College kam ich gut zurecht, sie waren alle sehr nett und motiviert bei der Sache.

Jedoch fühlte ich mich in Professor Stevensons Kurs mehr als unbehaglich, nachdem sich eine korpulente braungelockte Studentin neben mich setzte, die sich als Erika vorstellte. Normalerweise hätte ich keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, hätte sich mir ihre Anwesenheit nicht so extrem aufgedrängt. Man konnte sie riechen, oder besser, man konnte sie nicht Nichtriechen. Es herrschte eine akute Luftnotlage, in der sich in einem Flugzeug eine Klappe über den Passagieren öffnete und Sauerstoffmasken diese vor Bewusstlosigkeit schützten. Ich hätte eine Welt für einen ähnlichen Service in jenem Augenblick gegeben. Als ich an die Reihe kam, um meine Hausarbeit vorzutragen bemerkte ich meine schwitzigen Hände. Ich spürte eine Beklemmung in meiner Brust, gleichsam ein schwerer Stein auf ihr lag. Erikas Dunst war überall und raubte mir jegliche Klarheit. Die Schrift auf dem Blatt verschwamm, die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Ich hörte meine Stimme die Hausarbeit vortragen und doch schien sie nicht zu mir gehören. Mir war schwindelig, kotzübel, mein Kopf hämmerte und neben mir stank Erika.

„Boo!“
Ich schreckte zusammen und stieß mit einer Hand gegen die Plastikflasche mit meinem Wasser, als ich in das Gesicht eines Jungen, in einem blauen Kapuzenpulli, nur wenige Zentimeter vor meinem eigenen Gesicht blickte. 
Jarvis fing die Flasche reflexartig auf. „Na hoppla junge Dame. Wo warst du denn mit deinen Gedanken?“ 
Jarvis setzt sich neben mich, brach ein Stück von meinem Muffin ab und stopfte es sich in den Mund.
„Hast du mich erschreckt“, keuchte ich und presste eine Hand gegen den klopfenden Brustkorb.
„Alles in Ordnung?“, fragte er prüfend und legte den Kopf schief. „Ehrlich gesagt siehst du ziemlich fertig aus.“
„Oh nein … ähm, ja … ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen. Das ist alles“, winkte ich ab. 
 „Sicher?“, zweifelte er, musterte mich skeptisch von der Seite. „Du würdest mir doch sagen, wenn was wäre?“ „Natürlich. Mach dir keine Sorgen, es sind wirklich nur Kopfschmerzen.“ 
„Na gut, wollen wir dann los? Bin echt auf das Wheelscape gespannt. Wer weiß, eventuell packt mich dann auch nochmal das Skatefieber.“ 

Wir schulterten unsere Taschen, verließen das Kaffeehaus und rannten die Treppe der Bond Street Station hinunter, um einen Zug auf der Central Line zu kriegen.
Die Bahnabteile platzten, wie nicht anders zu erwarten, aus allen Nähten. Ein Blick auf die Uhr bestätigte mir meinen Verdacht, wir steckten zielsicher in der Londoner Rush Hour, in der alle Pendler mit denen ich morgens nach London reingefahren war, jetzt auf ihrem Heimweg aus London heraus waren. Wir drückten uns in eine Ecke, wobei ich erleichtert feststellte, dass trotz der Enge, niemand so muffelte wie Erika.
„Hast du schon mit deinen Eltern gesprochen?“, wollte Jarvis wissen. 
 „Ja sicher. Gestern erst. Wieso fragst du?“
„Na ja, meine Mutter hat mir erzählt, dass die Polizei immer noch kein Motiv für Ambers Selbstmord hat. Sie klappern jetzt Ambers Bekanntenkreis ab und es könnte sein, dass sie auch uns befragen wollen.“ 
„Oh nein“, entfuhr es mir, aus meinem Gesicht entwich merklich jegliche Farbe. Ich spürte abermals diesen inneren Schmerz, das Klopfen im Kopf schien lauter zu werden und auch das Atmen fiel mir schwerer. Für mich war die Vorstellung auf einem Polizeirevier bis ins kleinste Detail befragt zu werden, das schreckliche Ereignis nochmal durchleben zu müssen, ein absoluter Horror-Trip. Wahrscheinlich würden die Polizisten dabei den weißen Lichtschein zweier Lampen auf mich richten und ein Aufnahmegerät einschalten, um hinterher jede kleinste Einzelheit meiner Aussage auszuwerten.
„Das haben meine Eltern wohl vergessen zu erwähnen“, presste ich hervor, schaute zur Seite und rieb meine Finger fahrig über dem Schlüsselbein.

Jarvis rückte näher, umfasste meine Schulter und sah mich eindringlich an. „Hey, mach dir keine Sorgen. Wir können denen absolut nichts Neues erzählen. Was auch?“ Er zuckte mit den Schultern. „Amber war die Jahrgangsbeste, hübsch, hatte ein Stipendium für Eaton, war mit dem Cricketkapitän zusammen, die Eltern sind wohlhabend und sie war beliebt. Alles perfekt. Wir können denen absolut nichts sagen, was auch nur einen klitzekleinen Hinweis für den Grund ihres Selbstmordes geben könnte.“
Ich nickte. „Trotzdem Jar, ich kann diese Bilder in meinem Kopf nicht länger ertragen. Seitdem ich hier bin, kann ich endlich wieder schlafen und jetzt soll ich das Ganze nochmal durchmachen, nur damit doch nichts rauskommt?“, fragte ich verzweifelt.
„Ich weiß. Aber danach werden sie uns bestimmt in Ruhe lassen, weil wir nichts Interessantes oder Wichtiges zu dem Fall beitragen können.“
Hoffentlich war das so, dachte ich im Stillen, als der Zug in die Notting Hill Gate Station einfuhr und wir umsteigen mussten.

© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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