Freitag, 16. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 16



Kapitel 3

Und dann war alles still und ich ließ los. Einfach so. Es war nicht einmal schwer. Es war ganz leicht. Etwas in mir löste sich und dann schwebte ich empor. Mit einem Mal fühlte ich mich federleicht, während ich scheinbar schwerelos, wie ein Astronaut im Weltall für den die Gesetze der Schwerkraft  nicht mehr galten, aus meiner Stirn heraustrat und meine menschliche Hülle verließ. Dies geschah mit solch einer Selbstverständlichkeit, als würde ich tagtäglich meinen irdischen Körper verlassen. Ein warmes, geborgenes und beschütztes Gefühl breitete sich in mir aus, als läge ich unter einer weichen Kuscheldecke. Ich schwebte, den Rücken zur Zimmerdecke gewandt, und erkannte schemenhaft meinen menschlichen, schlaffen Körper, der auf einem OP-Tisch lag. Er sah kalt und leblos aus und ich wollte nicht wieder in ihn zurückkehren. Mir war jegliche Beziehung zu ihm verlorengegangen. Ich schaute an mir herab. Mein neuer Körper bestand aus einem gleißendem Schein. Ich zog ein goldenes Lichtband hinter mir her, das mich mit meiner Stirn und damit auch mit meinem menschlichen Leib verband. Ärzte in grünen Kitteln und mit Mundschutz bedeckten Gesichtern kümmerten sich hektisch um den Körper. Ich konnte sie zwar sprechen hören, doch verstand ich ihre Worte nicht. Aber das war nicht wichtig. Ein sanfter Sog erfasste mich. Dann sauste ich durch die Zimmerdecke nach draußen, immer höher und höher, dem Himmel entgegen. Die beleuchteten Fenster der Häuser unter mir wurden zusehends kleiner und bald waren sie nur noch so groß wie Nadelspitzen. Über mir funkelten kleine Sternchenfeuer wie eine Million Wunderkerzen. Ich flog über einen großen See, auf dessen glatter Wasseroberfläche sich der Mond spiegelte. Dichte Wälder ragten in die Höhe und rechts von mir erspähte ich aus den Augenwinkeln eine langgezogene Bergformation. Ich flog und flog, wusste nicht, wie viele Kilometer ich schon zurückgelegt hatte. Mich erfüllte eine unbeschreibliche Leichtigkeit und Freiheit. Ich hatte keine Angst, unfassbare Liebe, Glück und die Gewissheit endlich angekommen zu sein, ummantelten mich. Immer noch haftete der scheinbar unendlich ausdehnbare goldene Lichtschweif an mir. Plötzlich registrierte ich in der Ferne über mir einen strahlenden, silbernen Stern, der stärker leuchtete, als all die anderen. Die Lichtquelle zog mich magisch an. Ich näherte mich ihr und erkannte, dass es kein Stern war, sondern ein Lichtkreis. Unversehens beschleunigte sich mein Flug und ich entfernte mich mit rasender Geschwindigkeit in einem gewundenen Schlauch, der mich an eine Nabelschnur erinnerte, von der Erde. Zuerst umgab mich tiefste Dunkelheit, doch je weiter ich kam, umso heller wurde es. Ein bläuliches Leuchten umgab mich und am Ende des Schlauches leuchtete ein weißes Licht. Mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit wurde mein schwereloser Körper durch die immer heller werdende Röhre katapultiert. Es gab weder die Möglichkeit, mich an etwas festzuhalten, noch anzuhalten, geschweige denn diesen Vorgang zu kontrollieren. Trotzdem empfand ich keine Panik.                                

Dann entdeckte ich in einiger Entfernung eine durchsichtige, in allen Regenbogenfarben schimmernde Blase. Und daneben stand wie ein Schemen in der Dunkelheit eine große, schlanke Gestalt. Mein Flug verlangsamte sich und ich wusste, dass dieses feingliedrige Wesen auf mich wartete. Schließlich hielt ich an. Vor mir stand ein junger Mann, dessen Haut aus einer goldenen Aura zu bestehen schien. Ich erkannte ihn sofort, kein anderes Wesen hätte mir je vertrauter sein können. Unsere Blicke verschmolzen ineinander. Er sprach kein Wort, doch in seinem schmalen Gesicht mit den hohen Wangenknochen erschien ein sanftes Lächeln. Auch er hatte mich erkannt. Dann hörte ich ihn, ohne dass er die Lippen bewegte.
„Schön, dass du endlich da bist.“                        
© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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