Montag, 19. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 19



Nachmittags untersuchte mich ein Arzt. Aus seiner Kitteltasche ragte ein Kugelschreiber und darunter war ein Namensschild befestigt. Dr Sullivan. Er erklärte mir, was es mit dem Verband um meinen Kopf und der Kanüle in meiner rechten Hand auf sich hatte und wieso ich überhaupt im Krankenhaus war.
„Sie sind zusammengebrochen und dann bewusstlos auf die Gleise gefallen, direkt vor den Zug, der gerade in die Station einfuhr. Können sie sich daran erinnern?“
Ich schüttelte stumm den Kopf. Der Arzt wartete einen Moment, doch als ich weiterhin schwieg, fuhr er mit seinem Bericht fort.

„Gut. Es ist einzig und allein dem beherzten Eingreifen eines anderen wartenden Zuggastes zu verdanken, dass sie noch leben. Er ist auf die Gleise gesprungen und hat sie in der letzten Sekunde gerettet, bevor die Bahn Sie überrollen konnte. Der Mann hat sogar noch mit seinem Handy einen Notruf abgesetzt, aber dann ist er einfach spurlos verschwunden. Wir wissen nicht, wer er ist, haben lediglich die Aussagen der Leute, die sich zu dem Zeitpunkt auch auf dem Bahnsteig befanden. Aber ein Held ist er in jedem Fall.“
Mein Herz klopfte schlagartig schneller. „Wie … wie sah er aus?“ 
„Bitte was?“, der Arzt sah von meiner Krankenakte auf, die er an einem Klemmbrett befestigt hatte.
„Der Mann, der mich gerettet hat. Wie hat er ausgesehen?“ Ich hielt die Luft an.
„Mhm … soweit ich weiß soll er groß gewesen sein, sehr schlank und seine Haare waren schwarz.“
Für den Bruchteil einer Sekunde setzte mein Herzschlag aus. Das war er. Ich wusste einfach, dass er es war. 
„Ach ja, er trug wohl einen auffälligen langen Ledermantel und seine schwarzen Haare hatte er zu so einer ganz modernen Frisur hochgeföhnt.“ Dr Sullivan machte mit seinen Händen eine Bewegung, die unmöglich auch nur ansatzweise die Haare meines Retters beschreiben konnte.
Meine Wangen glühten vor Erregung und mein Herz vollführte Trampolinsprünge.

„Sie hatten in dem Moment wohl einen sehr guten Schutzengel bei sich“, riss mich Dr Sullivan aus meinen Gedanken. „Nicht nur, dass er sie vor dem Zug gerettet hat, sondern auch noch unverzüglich die Ambulanz benachrichtigt hat. Das war ein riesen Glücksfall. Ich muss ihnen da allerdings noch etwas mitteilen, Amy“, räusperte er sich. „Nachdem sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden, haben wir eine Hirnblutung bei ihnen festgestellt. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes geplatztes Aneurysma. Wir mussten Sie sofort notoperieren und dabei ist es zu Komplikationen gekommen.“ Er fuhr sich mit einer Hand durch das graumelierte Haar und legte dann diese auf meinen Arm. „Sie mussten während der Operation reanimiert werden. Gott sei Dank ist alles gut verlaufen, doch wir müssen durch zukünftige regelmäßige Untersuchungen sicherstellen, dass sie auch wirklich keine langfristigen Schäden zurückbehalten.“

Ich schluckte, nickte dann aber nur und stimmte den Folgeuntersuchungen zu. Konnte es sein, dass ich für eine kurze Zeit tot gewesen war? Und ich deswegen meine Großeltern und Tante Sarah getroffen hatte? Ich atmete langsam aus. War es das, was ich gesehen hatte? Die andere Seite, den Himmel, das Paradies oder auch das Jenseits, ganz wie man es nennen wollte? Darüber musste ich auf jeden Fall mit Jarvis reden. Aber zuvor musste ich unbedingt Schwester Mary, die sich schon auf der Intensivstation um mich gekümmert hat, etwas fragen.   

Als ich mich gesammelt hatte und sie mir wenig später das Abendessen servierte, fühlte ich mich bereit dazu einen weiteren Schritt zu wagen. „Schwester Mary, erinnern sie sich eigentlich noch an meine Besucher, während ich auf der Intensivstation lag?“
Schwester Mary zog die Augenbrauen hoch. „Aber natürlich! Was glaubst du denn? Schließlich muss sich jeder Besucher vorher anmelden und seinen Namen und die Uhrzeit in eine Liste eintragen.“
Mir stockte der Atem. Es gab eine Liste! „Oh, ähm …  könnte ich die Liste vielleicht sehen?“
Schwester Mary runzelte die Stirn. „Also, das hat mich in meinen achtzehn Jahren an diesem Krankenhaus noch niemand gefragt“, sagte sie kopfschüttelnd. „Aber gut, ich bringe sie dir nachher vorbei.“

Ich lauschte gerade einer neuen Episode der Krankengeschichten meiner Zimmergenossin, jedenfalls tat ich so, als Schwester Marys Kopf in der Tür erschien. „So junge Dame, hier ist die Liste.“
„Danke“, sagte ich und griff nach dem gelben Klemmbrett, an dem ein beschriebenes Blatt hing. Hastig ging ich die Namen durch. Christy Chaplin, Joe Chaplin, Nora Cauley, Jarvis Brewer, Nate Emerick. „Da fehlt ein Name.”
„So?”, fragte sie, nahm das Klemmbrett und schaute auf die Liste. „Welcher Name fehlt denn?“  
„Ich … ich kenne den Namen nicht“, sagte ich nach kurzem Zögern. Schwester Mary musterte mich argwöhnisch, offenbar zweifelte sie an meiner Zurechnungsfähigkeit. „Aber ich weiß, dass ich Besuch von einem Jungen mit schwarzen Haaren hatte. Er hat mich nämlich auch von den Gleisen gerettet, wissen Sie?“  
„Ich kann mich aber an keinen Jungen mit schwarzen Haaren erinnern.“ Schwester Mary schüttelte energisch den Kopf. „Außerdem würde sein Name sonst auch der Liste stehen. Ohne Eintrag in die Liste kommt nämlich niemand in die Intensivstation. Weder rein noch raus.“
© Emily Kay 

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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