Freitag, 23. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 23



Meine Wangen glühten noch. Eigentlich hätte ich ins Bett gehen sollen, doch das Gespräch mit Nora hatte mich zu sehr aufgewühlt. Ich schlang die Decke wieder um meinen Körper, kauerte mich auf die Fensterbank und versuchte den Jungen mit einem Bleistift auf einen Zeichenblock zu malen. Normalerweise war es eine meiner leichtesten Übungen Kleidungsstücke oder auch Porträts zu zeichnen, doch bei ihm gelang mir einfach nicht. Die Zeichnung von ihm kam dem nicht ansatzweise nahe, so wie ich ihn in meiner Erinnerung sah. Irgendetwas schien zu fehlen.

Letztendlich gab ich es auf und spähte für eine lange Zeit nach draußen. Der Garten vor dem Zimmerfenster lag im Tiefschlaf, nur die starken Äste des Kirschbaumes wiegten sich bedächtig im Wind. Unendliche Leere brannte sich in meine Brust und die zig unbeantworteten Fragen in meinen Kopf, mit denen ich ganze Notizbücher hätte füllen können, erdrückten mich nahezu. Ich musste unbedingt herausfinden, was es mit diesem Jungen auf sich hatte - mit oder ohne Noras Hilfe. Warum rettete er mich und verschwand dann? Wieso hatte ich ihn im Krankenhaus an meinem Bett sitzen sehen, doch nirgendwo war er als Besucher registriert? Und warum erschien er mir in der Wohnung, um sich dann wieder in Luft aufzulösen? Sogar für mich selber hörten sich diese Überlegungen nach durchgedrehten Hirngespinsten an. Ich konnte Noras Reaktion schon irgendwie verstehen. Andererseits hatte dieser Junge, auf den die Beschreibung aller Anwesenden auf dem Bahnsteig haargenau zutraf, mir das Leben gerettet. Und das konnte wohl kaum auf eine Einbildung zurückzuführen sein. Ich akzeptierte allmählich, dass für das, was mit mir und ihm passierte, es scheinbar keine vernünftige Erklärung gab.

Im Halbschlaf bemerkte ich, dass Mr Bilbo im Laufe der Nacht zu mir ins Bett hüpfte und es sich an meinem Fußende bequem machte. Ich drückte meine Beine gegen die Wand und bemühte mich sie möglichst wenig zu bewegen, um ihn nicht zu stören.

Um mich herum war es fast dunkel. In der Ferne leuchtete es hell. Dahin wollte ich gehen. Doch so sehr ich versuchte zu dem Licht zu gelangen, ich kam nicht von der Stelle. Verzweiflung, Angst und Panik breiteten sich in mir aus. Ich musste hier weg, musste das Licht erreichen. Aber all meine Anstrengungen nützten nichts, ich konnte mich keinen Zentimeter bewegen. Verdammt, es musste doch eine Möglichkeit geben, dass ich mich vom Fleck rühren konnte. Während ich fieberhaft nach einer Lösung suchte, erspähte ich rechts von mir, in dem wenigen, trüben Licht, das mich umgab, eine bunt schimmernde Membran. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich neben der Zwischenebene stand. Normalerweise müsste er genau hier auf mich warten. Wo war er bloß? Leere Einsamkeit kroch von meinen Fußspitzen hinauf in mein Herz und dann verschwand ich in ihrer eiskalten Umarmung, die sich hoffnungslos, wie der Tod anfühlte. In mir schrie es. Nein! Ich wehrte mich gegen diesen Albtraum, weigerte mich zu glauben, dass er mich verlassen hatte. Mein Blick schweifte zurück zu der Zwischenebene. Hatte ich dort eine Bewegung wahrgenommen? Da war es wieder. Ich drehte mich in die Richtung der Membran und stellte verwundert fest, dass dies klappte. Ich konnte dorthin gehen, doch nicht zum Licht. Vorsichtig näherte ich mich der Zwischenebene und konnte nicht fassen, was ich sah. Die elastische Hülle der Ebene beulte sich aus. Sie bestand aus einer milchigen Substanz und war trotzdem so transparent, dass ich hineinschauen konnte. Plötzlich drückte sich ein verzerrtes Gesicht an die Hülle und ich wich erschrocken zurück. Starr vor Schreck stierte ich in die Fratze. Ich wusste, was ich sah, doch mein Gehirn schien in dem Moment gelähmt zu sein. Die Informationen tröpfelten nur langsam in mein Bewusstsein. Doch dann begriff ich, nahm meinen ganzen Mut zusammen und beugte mich so weit vor, bis meine Nasenspitze fast die Oberfläche der Zwischenebene berührte. Meine Ahnung wurde zur Gewissheit. Die Fratze dort hinter der Hülle. Es war Amber! Und sie schrie. Sie schrie markerschütternd, brüllte mir ihre Seele entgegen:„ Amy! Hilf mir!“

© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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