Montag, 5. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 5


Nora zerkleinerte in der Küche gerade eine gelbe Paprika, als ich eintrat. Auf der Arbeitsplatte neben ihr befand sich eine gläserne Salatschüssel, die bereits zur Hälfte gefüllt war. Das Bild der kochenden Hausfrau in der quietschgelben Küche wollte nicht ganz zu Noras wilder Erscheinung passen. Sie hatte mir den Rücken zugewandt, sodass ich mit dem Fingerknöchel gegen den Türrahmen klopfte, um mich bemerkbar zu machen. 
„Oh“, rief sie aus und schwang herum, wobei sie sich die Hände an einem Küchentuch abwischte. „Bist du schon fertig mit dem Auspacken?“
„Ja, ging ganz schnell. Mr Bilbo ist dabei eingeschlafen … ähm, kann ich dir irgendwie helfen?“
„Nein. Auf gar keinen Fall!“, sagte sie bestimmt und drückte mich auf einen Stuhl, der an einem Bistrotisch stand. „Denn das wird dein Willkommensmahl. Ich hoffe du magst Spaghetti und Salat dazu?“
„Na klar, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ist es nicht normalerweise so, dass die Neue zum Einstand eine Runde ausgibt?“ 
„Tja, vielleicht ist das normal. Aber sag mir bitte, ob du was Normales siehst?“, fragte sie und drehte sich einmal um sich selbst. 
„Da muss ich mich wohl geschlagen geben“, gab ich zu. „Das ist sehr nett von dir, Nora. Und ich bin wirklich froh, dass ich das Zimmer bekommen habe.“ 
„Oh, lob mal nicht den Tag vor dem Abend. Das Essen muss für drei reichen, wir kriegen heute Abend nämlich Besuch.“ 
„Wer kommt denn?“ 
„Jerome hat sich angekündigt. Mein Chef.“
„Dein Chef?“, fragte ich überrascht. „Lädst du ihn öfter zum Essen ein oder … oder bist du …?“
Nora verstand, worauf ich hinauswollte und schüttelte sich dann vor Lachen. 
 „Nein, nein. So ist es nicht. Jerome und ich verstehen uns nur ganz gut, und immer wenn er Liebeskummer hat, was zugegebenermaßen dauernd der Fall ist, kommt er zum Essen vorbei, um sich auszuheulen.“
„Oh, der Ärmste. Dann scheint er wirklich Pech mit den Frauen zu haben.“
„Nein, es sind keine Frauen. Jerome ist schwul. Ich arbeite bei ihm im Cuts als Friseurin.“ Nora nahm zwei weiße Knollen aus dem Kühlschrank. „Magst du eigentlich Knoblauch?“           
Jerome kam um neunzehn Uhr, ein Mittvierziger, der nur unwesentlich größer als ich war. Sein Frankie goes to Hollywood Retro-Shirt spannte sich über seinen kleinen Wohlstandsbauch, der sich über den tiefsitzenden Hosenbund seiner Jeans wölbte. Ich hatte jemanden erwartet, der frisurentechnisch auf der aktuellsten Modewelle schwamm, zumal dieser jemand auch noch schwul war. Doch weit gefehlt. Jerome hatte gar keine Frisur. Er trug eine Glatze, die im Lampenschein glänzte, als ob sie poliert wäre. Die Haare, die ihm auf dem Kopf fehlten, schien er durch einen akkuraten Bart ausgleichen zu wollen. Meine Befürchtungen, ich könnte nicht unterhaltsam genug sein, erwiesen sich als völlig unbegründet. Noras Chef quasselte, ohne Luft zu holen und erzählte mir neben dem neusten Klatsch und Tratsch, seine ganze Lebensgeschichte und noch die, seiner Ex-Liebschaften und Kunden dazu.
Nachdem wir gegessen und Nora den Abwasch erledigt hatte, wobei sie unsere Hilfe vehement ablehnte, zündete sie drei schwarze Kerzen an und stellte diese auf die Glasplatte des Esstisches. Dann löschte sie das Licht und fischte eine kleine grüne Schachtel aus einer Schublade des Sideboards und wedelte damit vor unseren Augen hin und her.
„Endlich!“, rief Jerome aus und rieb sich die Hände. „Das wurde auch Zeit. Habe es kaum noch ausgehalten.“ 
„War mir schon klar, dass du deswegen gekommen bist.“
Nora und Jerome warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu.
„Was ist das?“, wollte ich wissen.                                                     
© Emily Kay


Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


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