Dienstag, 6. Dezember 2011

[Adventskalender 2011] - Tag 6


„Das hier sind Lenormand Orakelkarten. Mit ihnen kann man in die Vergangenheit, Gegenwart und auch in die Zukunft schauen.“
„Es ist absolut unglaublich. Egal wie oft ich schon Dinge nicht wahrhaben wollte, es ist immer so gekommen“, erklärte mir Jerome aufgekratzt. „Es funktioniert wirklich, Amy.“
Nora schob mir die Schachtel rüber. Zweifelnd nahm ich die kleine Box. Auf der Pappe war die Rückseite einer Spielkarte aufgezeichnet, in ihrer Mitte eine blaue Eule abgebildet. Ich drehte den Karton in meinen Händen und überlegte, ob dies alles ein Scherz war. Vielleicht lachten sie sich gleich über mich tot, da ich ihnen ihr Schauspiel für einen Moment ernsthaft abgekauft hatte. Oder war es ihnen tatsächlich ernst? Unschlüssig schaute ich wieder hoch, aber Nora und Jerome lachten nicht. Sie schienen daran wirklich zu glauben. Ich reichte Nora die Schachtel.

„Wie sieht`s aus, bist du auch dabei?“, fragte sie mich. „Kommt drauf an“, antwortete ich ausweichend, in meiner Kehle bildete sich ein Kloß. Die jüngste Vergangenheit wollte ich nur noch vergessen und nicht mithilfe von irgendwelchen Orakelkarten neu aufrollen. „Ich interessiere mich eigentlich nicht für die Vergangenheit. Geht das auch nur mit der Zukunft?“
„Na klar. Also bist du dabei?“
Ich rang mit mir und meinen Bedenken. Ich wollte ungern sofort am ersten Abend als Spielverderber da stehen.
„Ja, ok. Ich bin dabei“, gab ich mir einen Ruck.
„Klasse, Amy. Schlag ein.“ Jerome bot mir eine Handfläche zum Abklatschen an. „Willkommen an Bord.“
Mittlerweile hatte Nora die Karten aus der Schachtel genommen und mischte sie. Das Ganze machte einen ziemlich professionellen Eindruck auf mich.
„Wer will zuerst?“
„Ladies first“, bot Jerome an, bevor ich ihm den Vortritt lassen konnte. Ihm fiel dieses Angebot eindeutig nicht leicht, da er schon die ganze Zeit förmlich darauf brannte, seine Zukunftsprognosen zu erfahren.
Ich musste mir ein breites Grinsen verkneifen. Es war zu offensichtlich, dass Jerome darauf spekulierte, dass ich sein Angebot ablehnte, damit er seine Fragen zuerst stellen konnte.
„Danke. Aber ich würde mir das gerne erst einmal bei dir angucken, bevor ich das mache“, sagte ich und fügte hinzu:   „Und außerdem muss ich mir noch die passenden Fragen überlegen.“
„Ok, dann fang ich mal an“, bemerkte er bemüht lässig, doch in seinen Augen konnte ich lesen, dass ich fortan bis in alle Ewigkeit einen Stein bei ihm im Brett haben würde.

„Dann konzentriere dich mal auf deine Frage, Jerome. Du weißt, deine Beine dürfen sich nicht überkreuzen, Hände nebeneinander auf den Tisch legen. Und wenn du so weit bist, dann gibst du mir bitte ein Stopp.“
Jerome setzte sich aufrecht auf den Stuhl, platzierte, wie ihm geheißen, die Hände parallel zueinander und schloss die Augen. Konzentriert verharrte er in der Position, während Nora die Orakelkarten im flackernden Kerzenschein mischte.
„Stopp!“
Das Mischgeräusch erstarb augenblicklich und Nora legte die Orakelkarten aus, jeweils neun Karten nebeneinander, sodass wenig später die bunten Motive in vier Reihen untereinander die Tischplatte bedeckten. Schatten tanzten mystisch über die Karten und untermalten das Ritual. Ich legte den Kopf schief und beäugte neugierig die jeweiligen Abbildungen. Alle Orakelkarten waren durchnummeriert und mit Miniaturdrucken eines gängigen Skatkartenspiels bedruckt. Darunter fanden sich altertümliche Zeichnungen, auf jeder der sechsunddreißig Karten eine andere. Es gab Motive von Vögeln, einem Schiff, Sternen, einem Park und sogar von einem Sarg, bei dem sich meine Nackenhaare aufstellten. Ich konnte aus der Legung nichts erkennen, die Bilder schienen mir zusammenhangslos aneinandergereiht. Wie Nora daraus die Zukunft ablesen wollte, war mir gänzlich schleierhaft.

„Wie lautet deine Frage?“
Eine magische Aura umhüllte Nora, der schwarze Kreuzanhänger ihrer silbernen Gliederkette ruhte auf ihrem Dekolleté. Ihre dunklen Augen funkelten im Kerzenschein, wie die einer mysteriösen Hexe.
„Werde ich mich bald wieder verlieben?“, fragte Jerome, stierte dabei beschwörend auf die Orakelkarten.
 „Dann will ich mal gucken, was in deinem Kartenbild liegt.“ Nora fuhr mit ihrem Zeigefinger über die Karten, zählte, machte sich mit einem Kugelschreiber auf einem Block Notizen und runzelte die Stirn.
„Und? Was siehst du?“, wollte Jerome wissen.
„Moment, Moment, ich bin noch nicht fertig.“
Wieder notierte sie Zahlen. Jerome rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her, wie ein Kind, das auf den Weihnachtsmann wartete.
„Ok. Bist du bereit für den Blick in die Zukunft?“, fragte sie ihn schließlich und legte den Stift an die Seite des Blocks.
„Ja klar. Bereiter als bereit, sozusagen.“                           

© Emily Kay

Emily Kay und ich sind sehr gespannt, wie euch die Story bisher gefällt, daher freuen wir beide uns über jedes Feedback, gerne hier als Kommentar. Emily Kay wird nämlich hier vorbei schauen, um sich eure Meinung anzuschauen, von daher einfach fleißig kommentieren und eure Meinung kund tun :)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen