Dienstag, 11. September 2012

[Die Story hinter dem Buch] Lohmann, Eva - Kuckucksmädchen




heute:


"Kuckucksmädchen" von Eva Lohmann






"Kuckucksmädchen", erscheint im September bei Piper. Im Verlagssprech klingt so etwas dann folgendermaßen:
"Nach »Acht Wochen verrückt« der neue Roman von Eva Lohmann – über die »Generation Option« und ihre Jagd nach dem vollkommenen Glück."

Wenn man mich fragt, um was es in meinem neuen Roman geht, würde ich wohl antworten: Es geht um die verachtenswerte Liebe von Großstädtern zu alten Dielenböden, das Gefühl vom fremden Puzzlestück im falschen Karton - und die Frage, warum in Bullerbü so selten gevögelt wird... 

Es ist nach "Acht Wochen verrückt" mein zweiter Roman. Das erste Buch ist damals ja eher zufällig entstanden, als ich während meines Aufenthaltes in einer psychosomatischen Klinik anfing zu schreiben. Alles, was danach passierte, nenne ich immer "die Cinderellastory": Veröffentlichung in einem großen Verlag, Interviews, Presse und jede Menge berührende Leserbriefe. Weil das Buch sich damals so gut verkauft hat, hätte es mein Freund wohl am liebsten gesehen, wenn ich noch einmal über Depressionen geschrieben hätte. Das wollte ich aber auf keinen Fall; ein zweites Buch über psychische Probleme hätte mich für immer in eine bestimmte Richtung gedrängt. 
Ich musste dann tatsächlich ein bisschen suchen, bis ich auf ein neues Thema gestoßen bin und ironischerweise habe ich den Aufhänger fürs zweite Buch dann doch im ersten entdeckt: 

Dort gab es damals ein sprechendes Problem, das eines Tages auf Milas Bettkante saß, mit den Beinchen schaukelte, die es von der Lüge geerbt hatte und ziemlich aufdringlich danach verlangte, gelöst zu werden. Bei meinen Lesungen ist dieser Abschnitt mit dem Problem immer sehr gut angekommen und auch ich habe mich mehr und mehr in das Problem verliebt und war irgendwann fast enttäuscht, dass ich ihm nicht mehr Seiten gewidmet hatte. Also habe ich diese Idee der "Personifizierung" einfach in mein zweites Buch übertragen und hier so richtig schön ausgewalzt. "Kuckucksmädchen" beginnt deswegen folgendermaßen: "Es ist sieben Uhr achtunddreißig, ich liege im Bett und bin noch nicht mal richtig wach, als mein Herz plötzlich und unvorhergesehen den ersten Satz seines Lebens sagt."

Mein Freund war am Anfang skeptisch. Ein sprechendes Herz, fand er, würde den Roman wahrscheinlich ziemlich kitschig werden lassen. Ob ich nicht doch lieber etwas mit Depressionen... Aber ich habe einfach weiter geschrieben. Über Wanda, die eigentlich Inneneinrichterin ist, jetzt aber die alte Wohnung ihrer verstorbenen Großeltern ausräumen muss. Über ihren Freund Jonathan, der mit ihr in diese Wohnung ziehen will und ihr deswegen so etwas ähnliches wie einen Antrag macht. Über die Zweifel, die Wanda überkommen und die Idee, ihre Exfreunde zu besuchen, um sicher zu gehen, dass sie nicht irgendwann mal aus Versehen den Falschen verlassen hat. Und über das Herz. Ich finde übrigens nicht, dass es kitschig geworden ist. Denn es ist ein ziemlich unverschämtes kleines Herz. Es streitet sich gern, quatscht in den unmöglichsten Stellen rein und bringt Wanda in allerlei unangenehme Situationen. An einer Stelle fällt es sogar aus ihrer Brust, das klingt dann so: "...Sie schreien und lachen und gehen an mir vorbei zu der Tür, hinter der Jonathan verschwunden ist. Sie sehen mich nicht. Und sie sehen auch nicht mein Herz, das jetzt einen Satz macht, durch sämtliche Organe hinabstürzt und sich dann, völlig geräuschlos, aus meinem Körper fallen lässt. 
Ich brauche eine kleine Weile, bis ich meine Augen endlich von der verdammten Tür wenden kann. Dann erst fällt mein Blick auf das Herz, das blutend zwei Treppenstufen unter mir liegt. Ich trete einen Schritt näher und betrachte es mit Unbehagen. Ganz still liegt es da, es weint nicht, es schreit nicht, es macht keinen Laut und es bewegt sich nicht. Ich sehe mich um. Noch hat keiner den Unfall bemerkt. Einen kurzen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, mich einfach umzudrehen, davonzugehen und mein Herz mit all seinem Schmerz dort liegen zu lassen. So zu tun, als hätte ich nie den Sound seiner Stimme gehört. So zu tun, als ginge mich das alles nichts an. Ein einsames, verletztes Herz auf einer Hafentreppe, es ist vermutlich noch nicht mal das erste."

Tja, was soll ich sagen, mein Freund fand es plötzlich auch ganz schön. Und wie um uns beiden eins auszuwischen ist der Kitsch dann doch noch um die Ecke gekommen, allerdings war das nicht meine Schuld sondern schlichte, einfache Realität: Ein paar Tage nachdem ich oben erwähntes geschrieben hatte, ging ich Abends aus und kam zufällig an der Stelle vorbei, die ich im Kopf gehabt habe, als ich mir die Szene mit dem herausfallenden Herzen ausgedacht habe: Der Treppe vorm Golden Pudel Club in Hamburg. Im Nachwort von "Kuckucksmädchen" habe ich festgehalten, was mir dort vor die Füße gefallen ist: "...Und in dem Moment habe ich es gesehen. Auf der linken Seite jener Treppe, auf der eine der letzten Szenen meines Romans spielt, glitzerte etwas. Ich ging näher, schaute genauer hin und konnte es nicht fassen: Eingelassen in den Beton der Hafentreppe glitzerte ein Herz. Ein kleines Herz aus einer Spiegelfläche, mit einem dicken, leicht angeschmutzten goldenen Rahmen und Spuren von irgendwas Roten, Lippenstift, Edding oder Blut.
 
Ich weiß nicht, woher dieses Herz kommt, wer es dort eingelassen hat, welchen Sinn es an diesem Ort macht. Ich weiß nur, dass ich keine achtundvierzig Stunden vorher den Satz „Ein einsames, verletztes Herz auf einer Hafentreppe, es ist vermutlich noch nicht mal das erste“ auf eine der letzten Seiten meines Romans geschrieben hatte...".

Ich habe in der selben Nacht überigens ein Foto von diesem Herzen gemacht. Der Lektor wollte es nicht im Buch abdrucken, er fand es zu... na was wohl, kitschig. Ihr wisst schon. Deswegen zeige ich es Euch hier. Auch ein guter Ort für das Herz, finde ich.



geschrieben von Eva Lohmann


  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Piper (10. September 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 349205546X
  • ISBN-13: 978-3492055468




Ich hoffe, euch hat der Blick hinter die Kulissen gefallen 
und die Story hinter dem Buch konnte euch neugierig machen :)


1 Kommentar:

  1. Hi,

    "8 Wochen verrückt" habe ich gelesen und es hat mir sehr gut gefallen.
    Das Kuckucksmädchen hört sich auch total interessant an. Werde ich sicher mal im Auge behalten.
    Schön finde ich, dass Eva sich dann doch gegen den Vorschlag ihres Freundes, noch mal Depressionen zum Thema zu machen, durchgesetzt hat. Ich finde, das ist so ein sensibles Thema - da muss man einfach selber das Maß festsetzen und sollte sich auch nicht reinreden lassen.

    Liebe Grüße
    MacBaylie

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