Dienstag, 10. Dezember 2013

[Die Story hinter dem Buch] Koschka, Anna - Mohnschnecke

heute:


Koschka, Anna - Mohnschnecke

 




Ich möchte euch heute etwas über meinen liebsten Ort auf der Welt erzählen. Einen Ort, den es nur in meinem Kopf gibt, und den ich trotzdem jeden Tag besuche. Dieser Ort spielt eine wichtige Rolle in „Naschmarkt“ und „Mohnschnecke“. Meine Protagonistin Dotti Wilcek, vielleicht kennt sie ja der eine oder andere von euch schon, arbeitet als Literaturrezensentin bei einer großen österreichischen Tageszeitung. Sie liebt Bücher über alles, immer schon. Ihre Mutter wiederum betreibt ein kleines englisches Buchcafé  namens Pies&Pages. Dort gibt es original englischen Tee zu kaufen, schließlich ist Lady Lydia auch eine original englische Lady. Mit einem Faible für Agatha Christie, Tweed, alte Möbel und der nicht immer ganz korrekten Beherrschung der deutschen Sprache. Kochen kann Lady Lydia nicht, aber dafür umso besser backen. Darum bekommt man im Pies&Pages allerlei süßes Gebäck. Und selbstverständlich Bücher. Darum geht es schließlich in Dottis Leben.

Die Pendeluhr schlägt einmal. Viertel nach neun. Das Geräusch füllt den leeren Laden mit Klang. Ich atme den Geruch ein, der mir seit meiner Kindheit vertraut ist. Die Teeblätter in den Dosen. Kuchen, Cookies und Scones, die den lieben langen Tag gebacken werden. Und dann ganz deutlich das alte, dunkle Holz der Bücherregale und staubiges Papier. (aus: Mohnschnecke)

Das Pies&Pages zu schreiben, hat mir von Anfang an den größten Spaß gemacht. Weil es genau der Ort ist, den ich tatsächlich gern besuchen würde. Vielleicht meine Version der Bücherei von Derry oder Dumbledores Office. :) Ein Paradies in Form von Mini-England in der Tupperdose. Wer schon mal in London war, kennt sicher die vielen winzigen, uralten Buchläden in der Charing Cross Road. Als würde man so einen ausschneiden und in ein gemütliches Café mit Buntglasfensterfront einfügen, dort Lesungen veranstalten, Cookies auf die Tische stellen und eine warmherzige, kluge, verrückte Engländerin hinter der Theke platzieren.
Hier meine Skizze vom Lokal, wie ich es mir immer vorgestellt habe:



Das Besondere am Pies&Pages ist, dass es spezielle Menüs gibt, wobei mein Lieblingsmenü – als arme Schriftstellerin, die ich bin – das Poetenmenü ist. Lady Lydia hat nämlich ein Herz für Schreibende und serviert ihnen Pie und Lemonade für den Preis von einem Gedicht. Diese Gedichte sammelt sie in dicken Wälzern. Die Pies&Pages Poetry, in der Besucher mit Vorliebe blättern. Einige mittlerweile berühmte Namen sind auch vertreten. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass Franzobel, H.C.Artmann, Gabriel Barylli, Daniel Glattauer und auch die alte Mira Lobe dort zu Besuch waren. Und Ursula Poznanski hat ein eigens für sie reserviertes Plätzchen. ;-) Manchmal überlege ich mir tatsächlich, an welchem Tisch wer gesessen und was für einen Text jeder von ihnen verfasst hätte. Dann sitze ich in meiner Phantasie daneben, trinke Darjeeling mit Milch und Zucker, klappe das MacBook auf und schreibe den nächsten Absatz:

Als kleines Mädchen habe ich manchmal auf der gemütlichen Lesecouch geschlafen, die im hinteren Bereich, etwas erhöht auf einem Treppchen, zum Schmökern einlädt. Während meine Mutter an ihren Abrechnungen saß oder neue Cupcake-Rezepte ausprobierte, lag ich im gedämpften Licht der Tiffany-Lampe und stellte mir vor, dass die Helden aus all meinen Lieblingsgeschichten heimlich ihre Köpfe aus den Buchdeckeln steckten. Sie wachten über meine Träume. Wie eine sanfte Brise umgab mich ihr Atem. Er roch nach baufälligen Villen mit Geheimnissen in Schränken, nach schneebedeckten Königreichen und nach Gepettos Werkstatt voller Marionetten. (aus: Mohnschnecke)

Ich muss ja zugeben, dass ich es liebe, in meine Geschichten reale Dinge und Orte einzubauen. Die Locations in London, die in „Hexendreimaldrei“ vorkommen, gibt es fast alle wirklich. Und auch die meisten Schauplätze in „Naschmarkt“ sind nicht erfunden. Für die Szene im Riesenrad bin ich damit gefahren, habe die Kritzeleien in der Gondel abfotografiert und welche, die wirklich da waren, für mein Rätsel verwendet. Ich überlege mir immer sehr genau, welche Adressen meine Figuren haben, habe ein Bild vor Augen, wie es dort aussieht, gehe Wege ab und finde es großartig, wenn meine Leser das auch können. Und als er „Naschmarkt“ gelesen hatte, sagte mein Papa zu mir: „Wie kannst du denn so etwas machen? Behaupten, dass es dieses Buchcafé in Wien gibt? Das ist doch nicht real.“


© Peter Bosch

Stimmt. Es ist Fiktion. Aber gleichzeitig ist es für mich real. Wenn ich die Augen schließe, weiß ich ganz genau, wie die Wände getäfelt sind, wie die Pendeluhr klingt, die sieben Minuten nachgeht, welche Bücher in den Regalen stehen, welche Spitzendeckchen auf den Tischen liegen, wie das Shortbread schmeckt, wie sich das Messingäffchen des Türknaufs in der Hand anfühlt und wie das Licht durch die Buntglasfenster, die Tiffany-Lampe oder das flackernde Kaminfeuer sich bricht und alles glühen lässt. Und ich weiß, wie es im Pies&Pages riecht. All das wollte ich nun konzentriert in einem Geschmack haben und habe den teewicht.de gebeten, eine Spezialmischung anzufertigen. „Lady Lydia“ wird es zu kaufen geben, und das ist mein Geschenk an die Leser. Es stimmt, wenn ihr in Wien vom Naschmarkt kommt und durch die Schleifmühlgasse spaziert, werdet ihr kein englisches Buchcafé entdecken. Ihr werden am Johnny’s vorbeikommen, einem herrlichen englischen Pub. Ihr könnt in Bobby’s Foodstore englische und amerikanische Spezialitäten kaufen und im Babette’s in Gewürzen und Kochbüchern schwelgen, Kochkurse besuchen und hausgemachte Menüs essen. Oder im Blue Orange Bagels und Ben&Jerry’s Eis kriegen und schräg gegenüber im Point of Sale das klassische Deli erleben. All das gibt es und es bildet eine bestimmte Atmosphäre einer Straße in meinem Bezirk. Aber wer durch die Tür mit dem Messingäffchen treten möchte, der kann sich eine Kanne Lady Lydia kochen, die Augen schließen und sich mit Dotti und mir auf der Couch zusammenrollen. :) 

geschrieben von Anna Koschka (Claudia Toman)




  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. Dezember 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342651138X
  • ISBN-13: 978-3426511381



Na, wer hat Lust auf eine Fortsetzung mit Dotti???




1 Kommentar:

  1. Danke für diesen tollen Beitrag, liebe Claudia.
    Als Österreicherin kann frau gar nicht anders, als die Bücher von Claudia Toman/Anna Koschka zu lieben. Und Dotti hat es mir besonders angetan, das ist fast so, als wäre sie eine Freundin. :)

    Liebe Grüße
    Sabine

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