Dienstag, 18. Juli 2017

[Die Story hinter dem Buch] Antje Babendererde - Wacholdersommer


heute:
 

Antje Babendererde - Wacholdersommer

 



Zunächst meinen herzlichen Dank an Claudia, dass ich auf ihrem schönen Blog etwas über die Entstehung von „Wacholdersommer“ erzählen darf.

Mein Jugendroman „Wacholdersommer“ erschien bereits 2007 unter dem Titel „Zweiherz“ und war ursprünglich mein erster richtiger Jugendroman. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen und habe schon als Jugendliche angefangen zu schreiben. Seit ich denken kann, faszinieren mich die amerikanischen Ureinwohner, und ich habe sämtliche Bücher gelesen, die es damals in der DDR gab. Als ich mein Abi gemacht habe, hörte das Schreiben erst einmal auf und auch die Indianer traten in den Hintergrund. Aber nach der Wende kam die Lust, mir Geschichten auszudenken, mit aller Macht zurück. Und wieder waren es Geschichten, die im Indianerland spielten. 

1994 flog ich dann das erste Mal nach Amerika – für neun lange Wochen. Ich reiste mit einem Freund quer durch das Land – von Florida bis nach Arizona, dann hoch bis Montana, rüber nach Kanada in Richtung Ostküste und von dort zurück nach New York. Und ich habe überall in den Reservaten die Indianer besucht, wollte mir einen Eindruck machen von den Helden meiner Kindheit.

In Arizona waren wir natürlich im großen Navajo-Reservat und lernten durch Zufall eine Familie kennen – den alten Vater und seine zwei Kinder, Jonathan und Suzie Roanhorse. Wir durften auf ihrem Land in der Nähe des Finger-Rock unser Zelt aufbauen, und ich erfuhr in einer langen Nacht viele Geschichten, unter anderem auch die von den gestohlenen Anasazi-Felsbildern und den im Internat missbrauchten Indianerkindern. Am tiefsten erschüttert hat mich die Geschichte von Jonathan und Suzies Bruder, der nach seiner Armeezeit in Deutschland ins Navajo-Reservat zurückkehrte und sich auf Roanhorse-Land erschoss, weil er das Leben im Reservat nicht mehr ertrug.

Spider Rock im Canyon de Chelly
© Antje Babendererde

Schon auf der Weiterfahrt quer durch Amerika entstand die Geschichte von Zweiherz in meinem Kopf. Zweiherz, der Kojote, ist in der Navajo-Mythologie eine Schlüsselfigur, ein Trickster. Einer, der Möglichkeiten und Grenzen austesten will. Der oft Böses im Sinn hat und dabei ungewollt Gutes schafft. Eine zwiespältige, schattenhafte Gestalt – wie sein Name so schön sagt. 

Nach meiner Rückkehr begann ich zu schreiben. In der Geschichte geht es um die Halbblut-Indianerin Kaye und den jungen Navajo Will, die im Navajo-Reservat leben und schon seit Kinderzeiten befreundet sind. Als Will in eine Internatsschule kommt, verändert er sich immer mehr, wird verschlossen und aggressiv. Doch so sehr Kaye sich in den Schulferien auch um ihn bemüht, sie bekommt nicht aus ihm heraus, was los ist. Bis sie schließlich die Nachricht erhält, dass Will den Direktor der Schule getötet hat und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde - obwohl er erst vierzehn ist.

Kaye schreibt Will – sie schreibt ihm 99 Briefe und bekommt nie eine Antwort. Nach fünf Jahren wird Will vorzeitig entlassen und kehrt ins Reservat und ins Haus seines alten Großvaters zurück, bei dem er aufwuchs.

Kaye hat all die Jahre auf ihn gewartet – trotz der unbeantworteten Briefe.
„Du hast versprochen, mich zu heiraten“, sagt sie zu ihm, weil sie sich nun richtig in ihn verliebt und er sich unnahbar gibt.

„Da war ich zwölf“, antwortet Will. „Und du hast das Versprechen all die Jahre für bindend gehalten?“
Ja – das hat Kaye. Und sie kämpft um ihre Liebe. Doch Will meidet Kaye und ist in sich gekehrt. „Manchmal geschehen eben Dinge, die ein Versprechen ungültig machen“, sagt er. Kaye versucht, hinter diese Dinge zu kommen, ohne an Will zu zweifeln.

Als ein Verbrechen geschieht, in das Will verwickelt ist, weiß sie nicht mehr, was sie glauben soll.

Gemälde von Jay Sage Kerley
© Antje Babendererde

Während der Arbeit an diesem Roman bekam ich verschiedene Adressen von indianischen Strafgefangenen in die Hände, und mit einigen von ihnen hatte ich viele Jahre Briefkontakt. Den in einem Gefängnis in Arizona einsitzenden Navajo Jay Sage Kerley bat ich, mir bei den Fakten und Details, die seine Kultur betrafen, zu helfen. Er war mit großer Begeisterung dabei. Beschäftigt und gefordert zu sein, verkürzte ihm die Zeit in seiner Zelle und es tat ihm gut, jemandem über seine Haft zu berichten, der nicht voreingenommen war. 

Jay half mir nicht nur in Sachen Navajo-Mythologie, er eröffnete mir die Welt seines Volkes und fand trotz seiner beschränkten Möglichkeiten sogar knifflige Dinge für mich heraus. Ich habe ihm den gesamten Roman ins Englische übersetzt, nur damit auch ja alles stimmt.

Im Sommer 1997 habe ich Jay in seinem Wüsten-Gefängnis in Arizona besucht, was eine sehr eindrückliche Erfahrung war. Nach seiner Entlassung verlor sich leider unser Kontakt, aber vor ein paar Jahren stieß er auf meine Webseite und meldete sich per Mail wieder bei mir. 

Jay hat im Gefängnis viel gemalt und noch immer hängt in meinem Arbeitszimmer ein großes Bild von ihm, das er für mich gemacht hat. Und eines vom Fingerfelsen, an dem Kojote vorbeistreicht – ganz wie in meinem Roman „Wacholdersommer“.

Kojote schleicht um den Finger Rock
© Antje Babendererde

Jay hat einen kleinen Vers geschrieben, der Kojotes Treiben in meinem Roman wunderbar beschreibt:

Listen to the long wind blow
Moaning „Don’t you know?“
The dark mystical night
Like shadow from light
Covers the Two-Hearted one
Hovers til calamity is done.
© Jay Sage Kerley

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Freude mit Kaye und Will und dem listigen Kojoten.

Herzlich, Antje Babendererde


  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: cbt (10. Juli 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570311538
  • ISBN-13: 978-3570311530
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren




Liebe Grüße,
Claudia

Kommentare:

  1. Ich war auch schon am Spider Rock. Dort kann man viele schockierende Geschichten über das Schicksal der Indianer erfahren. Leider ist der Canyon de Chelly den meisten eher weniger bekannt, da er nicht auf den typischen Touristenrouten liegt.
    von: Stefanie

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  2. Liebe Stefanie, das ist wahr - ob man "leider" denkt, oder "zum Glück" liegt der Canyon de Chelly nicht auf der Touristenroute, das kann man so oder so sehen. Auf jeden Fall ist es im Canyon wunderschön ... Liebe Grüße, Antje

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