Dienstag, 27. Februar 2018

[Die Story hinter dem Buch] Claire Winter - Die geliehene Schuld

[Werbung] Da ich Buch-Cover mit einer Verlinkung zu Amazon einbaue (Affiliate-Link) und aus Überzeugung gerne Verlage, Autoren etc. verlinke, kennzeichne ich diesen Beitrag als Werbung. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass ich für diesen Beitrag nicht bezahlt wurde und ihn aus freien Stücken veröffentliche.


heute:



Claire Winter - Die geliehene Schuld

 



Die geliehene Schuld spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit.Was hat Sie gerade an dieser Zeit fasziniert?

Zwei Sekretärinnen im Parlamentarischen Rat,
in dem in Bonn die Verfassung
der zukünftigen BRD erarbeitet wurde
© Bettmann/Corbis/Getty Images
Ich fand die Gründungsjahre der Bundesrepublik schon immer hochinteressant. Die sogenannte Stunde Null war ja eine Zeit, in der es den Anschein hatte, als würde alles neu und von vorn anfangen können. Aber natürlich haben die Menschen das, was sie in der Vergangenheit erlebt, erlitten und verbrochen hatten, in diesen Neubeginn mitgenommen. Vielleicht gab es deshalb dieses Tabu, nicht zu erwähnen, was unter Hitler passiert und geschehen ist.
Im Roman bricht Marie, eine junge Sekretärin im Stab von Adenauer, genau damit. Sie beginnt, Fragen über ihren verstorbenen Vater zu stellen, aber zu Hause stößt sie auf eine
Mauer des Schweigens. Schließlich bittet Marie den Journalisten Jonathan Jacobsen um Hilfe, ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie beide dadurch geraten …

Straßenschilder, die den Weg zum Parlamentarischen Rat zeigen.
Eines meiner Lieblingsbilder mit den Kühen im Hintergrund
und diesen selbst gemachten Schildern
© Bundesregierung Hanns Hubmann

Die Nachkriegszeit war aber auch eine Zeit, die auf jeder Ebene von Extremen und Gegensätzen geprägt war. Die Städte waren zerstört, es gab Millionen von Flüchtlingen, unzählige Vermisste, und es mangelte an Wohnraum, Essen, Kleidung, an einfach allem, sodass man ständig gezwungen war, sich anderweitig zu behelfen. Selbst bei den Straßenschildern …





Gab es eine besondere Inspiration für Ihren Roman?

Das Tribunal von Nürnberg, in dem die
ranghöchsten Kriegsverbrecher und
Nationalsozialisten vor Gericht gestellt wurden
© AKG-Images
Ja, gleich mehrere. Während der Arbeit an meinem letzten Roman führte mich die Recherche zu der Frage, was aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten geworden ist, die für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet haben. Dabei bin ich dann auf die Organisation Gehlen gestoßen, die ja die Vorläuferorganisation des späteren BND war. Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Darüber hinaus inspirierte mich ein Zeitzeugendokument in einer Ausstellung. Es war ein Video, in dem eine Frau, deren Familie durch die Nazis umgekommen war, von der Freundschaft zu einer anderen Frau erzählte, deren Eltern Täter waren. Die beiden jungen Frauen hatten sich bei einem der Kriegsverbrecherprozesse in der Nachkriegszeit kennengelernt. Zwischen ihnen entstand eine enge und lebenslange Freundschaft. Die Geschichte der beiden hat mich so berührt, dass daraus im Roman die Freundschaft von Marie und Lina wurde. Die Verbundenheit der beiden trotz ihrer so gegensätzlichen Herkunft ist in der Folge von entscheidender Bedeutung für die Geschehnisse im Roman.


Die Organisation Gehlen und damit Reinhard Gehlen hat es wirklich gegeben. Ist es eine besondere Herausforderung, solche historischen Ereignisse mit der fiktiven Handlung eines Romans zu verknüpfen?

Reinhard Gehlen in früheren Zeiten
© SZ-Photo
Ja, auf jeden Fall, aber auch ungemein spannend. Es ist mir grundsätzlich sehr wichtig, den  historischen Fakten gerecht zu werden, sie also nicht zu verfälschen, auch wenn sie in eine fiktive Handlung integriert werden. Wobei ein Roman natürlich immer eine Interpretation bleibt. Deshalb recherchiere ich für meine Bücher stets lange und intensiv. Ich mag diese Phase der Arbeit sehr, weil dabei die innere Welt des Romans entsteht, in der die Figuren später agieren werden. Dabei bekomme ich auch ein Gefühl für die Zeit, dafür, wie es wohl war, in jenen Jahren gelebt zu haben. Oft entwickelt sich die Handlung parallel dazu wie von allein weiter. Manchmal gibt es beim Recherchieren dann Momente, in denen ich innehalte und denke: Wow, das ist unglaublich, was damals geschehen ist. So ging es mir auch mit Reinhard Gehlen, der für den historischen Hintergrund
von Die geliehene Schuld eine wichtige Rolle spielt. Die Lebensgeschichte dieses Mannes liest sich so, als würde sie bereits einem Roman entstammen: Ein Generalmajor, der unter Hitler die Spionageabteilung Fremde Heere Ost leitet, der später als Kriegsverbrecher gesucht wird, sich den Amerikanern andient und dessen Pläne dann nicht nur aufgehen, sondern der es Jahre später tatsächlich schafft, der erste Präsident des Bundesnachrichtendienstes zu werden. Alles, was ihn und seine Organisation umgibt und was man über sie in Erfahrung bringt, ist von einer so ungeheuer konspirativen Atmosphäre erfüllt – selbst die Fotos, auf denen Gehlen sich in späteren Jahren gern
mit Hut und dunkler Sonnenbrille ablichten ließ. Das hat es mir am Ende für den Roman auch sehr leicht gemacht, die Ebenen zwischen den historischen Fakten und Fiktivem zu verbinden.


Sie leben in Berlin. Würden Sie sagen, dass die Stadt einen Einfluss auf den Roman gehabt hat?

Der zerstörte Reichstag, vor dem Gemüse
und Kartoffeln angepflanzt wurden.
© AKG-Images
Ja, ganz bestimmt. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren konnte man oft noch an vielen Häusern Einschusslöcher in den Fassaden sehen. Das war so normal wie die Mauer, die einmal mitten durch die Stadt ging. Und wenn man genau hinschaut, kann man die Löcher hin und wieder jetzt noch entdecken. Die Geschichte vom Dritten Reich bis zum Kalten Krieg ist an vielen Ecken nach wie vor spürbar. Das ist einfach ein Stück von Berlin, und obwohl ich hier lebe, entdecke ich immer wieder etwas Neues. Gerade in den letzten Jahren hat die Stadt viel von ihrer Historie aufgearbeitet. Nicht nur in Museen und Ausstellungen, sondern auch durch die zahlreichen wichtigen Erinnerungs- und Gedenkstätten. Diese Orte sind für mich als Autorin immer wieder Quellen, an denen ich meine Recherchen vertiefen kann und die mich auch Die Zufahrt zur Siedlung in Pullach. Das Foto stammt übrigens aus einer sowjetischen Zeitung, die das Bild verdeckt aufgenommen hat beim Schreiben inspirieren. Englische Freunde haben mir einmal gesagt, dass sie diesen Umgang mit der Vergangenheit hier in Berlin sehr einzigartig und besonders finden. Das hat mich sehr gefreut.

Wie recherchieren Sie, um in eine neue Zeit und Geschichte hineinzukommen?

Die Stelen des jüdischen Mahnmals in Berlin
© Noppasin/Shutterstock
Am Anfang lese ich vor allem viel – nicht nur geschichtliche Bücher über die Zeit, sondern vor allem auch Biografien, Lebensberichte und Briefe. Durch diese persönlichen Dokumente bekomme ich am besten einen emotionalen Zugang zu den Menschen, die in dieser Zeit gelebt haben. Fotografien und Bildbände vermitteln mir ebenfalls einen wichtigen Eindruck. Für Die geliehene Schuld habe ich aber auch sehr viel im Internet recherchiert. Es gibt inzwischen unglaublich tolle Websites mit Datenbanken, in denen man auch zahlreiche Die Stelen des jüdischen Mahnmals in Berlin Interviews von Zeitzeugen und Filmausschnitte der damaligen Nachrichten findet. Ich musste fast schon aufpassen, in den Recherchen nicht verloren zu gehen, weil es so viele spannende Dokumente gibt. Außerdem gehe ich in Museen, Ausstellungen und nutze die dortigen Quellen, gleichzeitig treibt es mich immer wieder nach draußen. Ich brauche ein Gefühl für die Orte, an denen der Roman spielt, ich reise dorthin und spreche mit den Menschen. Meistens kommen mir dabei auch die besten Ideen, die sich dann wie von allein zu einer Handlung zusammenfügen …


Mein Arbeitszimmer in Berlin
© M. Scheel

geschrieben von
Claire Winter


  • Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
  • Verlag: Diana Verlag (5. März 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453291948
  • ISBN-13: 978-3453291942



Liebe Grüße,
Claudia

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